The prayer - das Gebet - der/die Betende

 

Es gibt eine Lektion von Mosche Feldenkrais, die mich schon lange interessiert, zu der ich aber bisher noch nicht gekommen bin: the prayer, zu Deutsch "das Gebt oder der/die Betende".

Der Zeitpunkt mitten in der Corona Krise scheint mir dafür geeignet. Alle Kurse wurden abgesagt und es ist unklar, ob es dieses Jahr noch einmal Präsenzkurse geben wird. Ich habe also unerwartet viel Zeit, die ich sinnvoll nutzen möchte. So viel Zeit, dass die Inhalte der Medien nicht mehr nebenher an mir vorbei rauschen, sondern zu Informationen werden, die verarbeitet werden wollen. Und ich merke, dass mir diese Dauerberichterstattung auf die Nerven geht. Die ganze Situation, die momentan unlösbar scheint, fühlt sich alles andere als sinnvoll an, verschafft mir aber viel Freiraum, um mich mit dem Thema zu beschäftigen.

Mein Weltbild ist naturwissenschaftlich, humanistisch geprägt und ich habe zu dem Thema Religion bzw. "das Gebet" nur die Erfahrung aus meiner Kindheit und Jugend. Ich betrete als Erwachsene Neuland.

 

"Wir sind endlich so frei, wie wir es noch nie waren. Es ist ein Freisein ohne impliziertes wofür, oder was. Einfach nur frei sein und damit eigenverantwortlich. Welche Wahrheit wir haben wollen, das suchen wir für unseren "Lebenseinkaufs - Wagen" selbst aus."

Klaus Renn

 

Zunächst kommt mir die Fragen "warum interessiert mich das Thema im Zusammenhang mit der Feldenkrais Methode“ in den Sinn. Gebete kannte ich bisher nur als ritualisierte Texte. Jemand bestimmt, was wann aufgesagt wird und alle murmeln mit. Bisher hat mich diese Art ein Gebet zu praktizieren nicht berührt, Außerdem habe ich bisher keinen Sinn in dieser Art von Praxis gesehen. Aber die Idee ein Gebet ohne Textvorgabe, sozusagen ohne Inhalt körperlich ausdrücken macht mich neugierig. Wie mag sich das anfühlen? Gibt es einen Inhalt, von dem ich noch nichts weiß?

 

"Allen gehört, was du denkst, Dein eigen ist nur, was du fühlst. Soll er Dein Eigentum sein, fühle den Gott, den Du denkst."

 Friedrich Schiller

 

 

 

 

Tag1, 1.Teil der Lektion:

 

Sitzen: Legen Sie beide Füße mit den Fußsohlen und beide Handflächen aneinander. Machen Sie alle Bewegungen ein paar Mal aber nur soweit, wie es für Sie leicht ist.

Bewegen Sie den Kopf, zusammen mit den Armen, hoch und runter.

Schließen Sie die Augen und stellen sie sich vor, dass sie mit dem rechten Auge den rechten Handrücken und mit dem linken Auge den linken Handrücken sehen. Bewegen sie Kopf und Hände nur soweit hoch und runter, wie Sie Ihre Augen auf den Handrücken lassen können.

Bewegen Sie erst nur die Arme, dann nur den Kopf hoch und runter - die Augen bleiben an den Handrücken.

Schließlich bewegen Sie Arme und Kopf zusammen. Halten Sie die Entfernung zwischen den Armen und dem Kopf während der Bewegung gleich.

 

"Ich könnte mir vorstellen, dass ein Mensch, der auf die Erde hinabblickt und behauptet, es gebe keinen Gott; aber es will mir nicht in den Sinn, dass einer zum Himmel schaut und Gott leugnet."

Abraham Lincoln

 

Bleiben Sie auf diese Weise aufgerichtet. Versuchen Sie die Arme auf eine Höhe zu halten so, dass die Unterarme mehr oder weniger parallel zum Boden sind.

Drehen Sie die Arme und den Kopf, alles zusammen, nach rechts. Nehmen Sie wahr, ob Sie beide Handrücken mit den  Augen am Ende der Bewegung auf dieselbe Weise wahrnehmen, wie am Anfang der Bewegung.

Drehen Sie sich nach links, soweit, wie Sie die Augen auf den Handrücken lassen können.

Bewegen Sie den Kopf nach links, während  die Arme nach rechts gehen. Jetzt bewegen Sie den Kopf nach rechts, die Arme nach links. Machen Sie eine Bewegung von rechts nach links ohne in der Mitte anzuhalten. Jetzt bewegen Sie Kopf und Arme zusammen von rechts nach links.

Achten Sie darauf, ob es eine Änderung im Winkel, der Größe oder der Qualität  der Bewegung gibt.

 

Mein Erleben bein Ausführen dieser Anweisung:

Ich fühle mich total eingesperrt und kann mir noch gar nicht vorstellen, wie man sich in dieser Haltung irgendwie bewegen kann.

Sofort kommt mir meine aktuelle Situation in dieser Corona-Zeit in den Sinn. Obwohl ich mich bewegen kann und darf, fühle ich mich in der Situation eingesperrt. Dies ist wohl eine Art von Situation, in der man Zuflucht bei einem Gebet sucht.

Die Anweisung die Augen zu kontrollieren, lenkt mich von diesem "Eingesperrt sein - Gefühl" ab, was mich überrascht. Ich muss mich sehr konzentrieren, dass ich diese Anweisung auch in der Bewegung umsetzten kann, damit die Augen nicht den ablenkenden Gedanken folgen. Nur das Probieren verleiht mir schon ein Gefühl von Ruhe und Konzentriertheit. Ich kann nur kleine Bewegungen ausführen. Nach ein paar MInuten bin ich so k.o., dass ich eine Pause brauche. Wenn ich mich hinstelle und normal bewege, spüre ich mich kräftig und zentriert, obwohl ich das Gefühl habe, dass ich die Anweisung noch gar nicht richtig ausführen kann. Ich habe auch nicht mehr das Gefühl, der Situation ausgeliefert zu sein und um eine Änderung bitten zu wollen. Diese Wirkung hätte ich so nicht erwartet.

 

Tag 2, 1.Teil der Lektion

Ich habe gemerkt, ich brauche eine Zeit, um diese Lektion zu verarbeiten, um meine Augen bewusst kontrollieren zu können. 

Für das Thema "Gebet" hat sich für mich herauskristallisiert, dass ich zunächst weder eine Bitte noch einen Dank, noch ein "dein Wille geschehe" zum Inhalt machen möchte. Vielmehr interessiert mich, was bewirkt die Geste der Gebetshaltung.

Gestern beim Radeln, habe ich per Zufall einen kleinen Mini Kreuzweg entdeckt und dachte mir da gibt es etwas zu forschen.

Von einer Station habe ich mich besonders angesprochen gefühlt. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt, um an dem Ort etwas zu verweilen. Spontan kam mir die Idee, die neu gelernte Bewegung im normalen Sitzen auszuführen. Als erstes hat sich das Gefühl eingestellt, dass sich durch diese Gebetshaltung mein Brustraum und alles was an Empfindungen und Gefühlen dort beheimatet ist, geschützt anfühlt, wie ein kleiner privater Raum. Das Gefühl verstärkt sich noch, wenn ich die Augen auf den Handrücken lassen kann. Kopf, Arme, Hände und Brustkorb sind eine Einheit, die sich anfühlt wie diese kleine Kapelle hinter mir, in der meine privaten Gedanken, Gefühle und Empfindungen geschützt und angenommen sein dürfen. Sofort entspannt sich alles in mir, besonders die Schultern und der Kiefer und ich merke, mit wie viel Anstrengung das sich und andere Schützen vor dem Corona- Virus verbunden ist.

Die letzte Station zeigt den toten Jesus mit einem Engel. Wenn ich die Skulptur nur so als Besucher betrachte, erschließt sich mir der Sinn der Station nicht wirklich. Ich möchte wissen, ob es einen Unterschied macht, wenn ich wieder diese Gebetshaltung, diesmal im Stehen einnehme. Sofort stellt sich wieder dieses geschützte Gefühl im Brustbereich ein und ich habe eine Resonanz zu dieser Station. Ich finde die Worte für eines meiner Grundgefühle in dieser Corona - Zeit: einmal das etwas gestorben ist und, dass es tatsächlich um Leben oder Tod geht und nicht nur um das Einhalten bzw. Nicht Einhalten von Regeln. Wenn ich mich nach unten beuge, sehe ich nur das Bild der Station und der damit verbundenen Gefühle. Das nach oben Bewegen fällt mir auffallend schwer, was mich wundert, jetzt hätte ich die Gelegenheit mich von diesen als unangenehm empfundenen Gedanken und Gefühlen zu lösen.

Sofort kommt mir das oben erwähnte Zitat von Abraham Lincoln in den Sinn. Auch mich nach rechts oder links (weg-) zu drehen fällt mir schwer.

Insgesamt kann ich sagen ein überraschend interessanter Ausflug mit Erkenntnissen, die ich so, ohne die Lektion nicht gehabt hätte.

 

Tag 3, 1.Teil der Lektion

Jetzt bin ich neugierig, ob es sich anders anfühlt, wenn Becken, Beine und Füße dazu kommen - die ursprüngliche Ausgangsposition der Lektion.

Ja, es fühlt sich anders an, wenn Becken und Beine in die Gebetshaltung integriert sind. Es fühlt sich vitaler, dynamischer und auch archaischer an. Sofort kommt mir der Gedanke an Tänze und Rhythmen, als nonverbale Ausdrucksformen. Bisher hatte ich noch nicht die Idee, dass man ein Gebet auch diese Weise ausdrücken könnte. Sehr interessant.

 

Ein weiteres Ausflugsziel, die Kapelle auf dem Michaelsberg Untergrombach, bietet weitere Forschungsmöglichkeit. Im Dach der Kapelle ist eine Skulptur des Erzengel Michael, wie er den Drachen besiegt, eingearbeitet. Ich nehme wieder die Gebetshaltung, wie auf dem Bild oben ein, diesmal aber nur in der Vorstellung (die Blicke der vielen Besucher, wären mir dann doch peinlich). Diesmal spüre ich eine Resonanz zu dem Drachen unterhalb meines Bauchnabels und zum Erzengel Michael im Brustbereich. Das Gefühl im Bauchbereich ähnelt dem Gefühl, das ich zu dem Teufel aus der Geschichte "der Teufel mit den drei goldenen Haaren" hatte. Als ich zu Hause über den Erzengel Michael recherchiere, lese ich, dass der Drache tatsächlich ein Symbol für den Teufel ist. Obwohl der Erzengel eine dynamische Haltung zeigt, kommt das Gefühl von Vitalität und Kraft aus dem Bauchbereich. Mein Interesse für die Figur des Teufels ist geweckt.